Roland Düringer: Weltfremd

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Quelle: http://www.komma.at, Photo von Alex Schrattenthaler

„Gibts Fragen?“

Habt Ihr schon einmal ein Kabarett besucht, das folgendermaßen begonnen hat? Ich auch nicht, bis gestern. Wobei, Kabarett ist nicht korrekt. Nennen wir es gesellschaftskritischen Vortrag. Zum besseren Verständnis muss man hinzufügen: Es handelte sich um eine Veranstaltung von und mit Roland Düringer. Kollektives „Aha…??“ meiner Leserschaft aus Deutschland. Also: Roland Düringer ist ein österreichischer Kabarettist, Schauspieler, Moderator und Neo-Politiker. Bekannt wurde er mit Serienerfolgen wie „Kaisermühlen Blues“ und „MA 2412“. Größte Kinoerfolge: „Hinterholz 8“ und „Poppitz“ (beide absolut grossartig! Schaut unbedingt rein, wenn Ihr dazu Gelegenheit habt).

Roland Düringer hat inzwischen neue Schwerpunkte gesetzt. Für sich privat, indem er 2013 begann, „dem System“ den ausgestreckten Mittelfinger zu zeigen, indem er von seinem Haus in einen 28 m² messenden Wohnwagen in seinen Vorgarten zog, bargeldloses Zahlen meidet, hauptsächlich Öffis nutzt, kaum fernsieht, E-Mails schreibt oder das Handy nutzt. Sinn der Aktion: Herauszufinden, was man wirklich braucht, was man nur zu brauchen glaubt, weil es einem Werbung etc. suggerieren, und wo Reduzieren sinnvoll ist. Dazu muss man natürlich ein bisschen nachdenken, was sich jedoch als teilweise unbequem herausstellt… An seinen Erkenntnissen und Überlegungen teilhaben lässt uns Roland Düringer in einer Votrags-Trilogie: Ich: Ein Leben, Wir: Ein Umstand, Ich – Alleine? Der Vortrag „Weltfremd“ ist eine Zusammenfassung dieser Trilogie und aktuellen Gedanken rund um die desaströsen Zustände unserer Politik, die dazu führten, dass Roland Düringer seine eigene Partei gegründet hat. Doch dazu später.

Was ist Roland Düringer nun? Weltfremd? Teilweise vielleicht. Ein Öko-Philosoph? Tatsächlich. Ein bisschen crazy? Sind wir das nicht alle… Für Düringer ist die pathologische Verrücktheit ein Lautstärkeproblem. Deswegen, weil der Verrückte laut Dinge sagt, die wir uns nur denken. Wenn man ins Detail geht, muss man das dringend relativieren. Nicht jeder brabbelnde Verrückte ist harmlos, und nicht jeder ist normal, nur weil er schweigt. Aber ich denke, das weiss Düringer auch, die vereinfachte Version ist halt amüsanter.

Immer wieder gern zitiert wird in den Vorträgen Düringers der Neandertaler. Der erlebte sein Burnout nämlich nur dann, wenn das Lagerfeuer ausging. Auch Schulden werden anhand eines prähistorischen Beispiels bildhaft gemacht: Wir haben 5000 Euro am Konto, und wollen beim Media-Markt einen Fernseher kaufen. Der kostet allerdings 7000 Euro. Dank unseres Überziehungsrahmens brauchen wir nur die EC-Karte zum Glühen bringen, und schon besitzen wir den Fernseher (und 2000 Euro Schulden). Nun auf neandertalerisch: Es sitzen 5 Steinzeitmenschen vor dem Lagerfeuer. Gehen 7 fort, müssen erst 2 wiederkommen, damit keiner mehr da ist. Klingt absurd, wenn man es so hört. Genauso absurd ist es aber eigentlich, ständig mit Geld um sich zu werfen, das einem nicht gehört, egal ob es der Privathaushalt oder der Staat ist.

Düringers Worte sind mal drastisch, mal derbe. Manchmal auch ziemlich laut. Triefen vor Sarkasmus. Und vor allem eins: Sie lassen einen nicht kalt, egal ob man nun mit ihm konform geht oder nicht. Zumindest, wenn man halbwegs dem Programm folgen kann. Einige Zuschauer konnten es nicht, was sich in einem verzweifelten „ich lache einfach nach jedem Satz, irgendwann wirds schon passen“ äußerte. Aber eigentlich ist unser Egoismus, unser „alles haben Wollen“ gar nicht so lustig.

Irgendwann wirft Roland Düringer die Frage in den Saal, wer seine Arbeit denn auch unbezahlt machen würde. Ich habe aufgezeigt. Ich glaube, als Einzige. Schon klar, von etwas muss der Mensch ja auch leben, Minimalismus in allen Ehren. Aber ich würde immer schreiben, egal ob ich dafür bezahlt werde oder nicht. So wie momentan. Ich schreibe, um von euch gelesen zu werden, and that’s it.

Zu guter Letzt ging es noch um die Thematik christliche Werte. Wir, die Gesellschaft, beklagen ja den zunehmenden Verfall eben dieser. Aber wo handeln wir nach christlichen Werten? Diese würden nämlich die Frage aufwerfen „wem schade ich mit meinem Verhalten“, und nicht „was nützt mir mein Verhalten“. Touché…

Kurz spricht Roland Düringer noch seine Parteigründung „meine Stimme gilt“ an. Er möchte eine Option darstellen für Nichtwähler, Protestwähler, Weisswähler etc. Der Sinn dahinter ist, den stimmenstärksten Parteien Wähler wegzunehmen. Mein Mann und ich waren kurzfristig irritiert. Ist das alles? Was ändert das am bestehenden Sch… lamassel?

Der Vortrag fand wieder in Wörgls grandiosem VAZ, dem Komma, statt. Und nachdem sich dort meistens nach getaner Arbeit die Künstler (und Politiker ;-)) unters Volk mischen für Autogramme, Selfies etc. bekamen wir Antwort auf unsere Fragezeichen von Roland Düringer himself. Eine gute halbe Stunde war meinem Mann und mir vergönnt, mit ihm zu diskutieren. Den detaillierten Inhalt des Gesprächs gebe ich an dieser Stelle nicht weiter, zumal es sich um ein Privatgespräch gehandelt hat und kein Interview. Und Herr Düringer gab sich mit Details zu seiner Partei in der Presse bisher eher bedeckt. Jedenfalls war die Unterhaltung definitiv spannend. Ob seine Partei für mich eine Wahlalternative ist? Naja, jetzt warten wir mal unsere Bundespräsidentenwahl am 04.12. ab, dann schauen wir mal weiter.

Jetzt mal ehrlich: Kennt jemand von euch Roland Düringer? Was haltet ihr von Vorträgen dieser Art?

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2 Gedanken zu “Roland Düringer: Weltfremd

  1. Oh ich mag deine Textbeiträge! (Auch wenn ich oft zu faul bin, und sie einfach halb angefangen in die Leseliste schiebe, wie ich gestehen muss.) Ich habe von Roland Düringer (oh wunder) noch nie gehört, liegt aber vielleicht auch daran, dass ich generell nie up to date bin. Kriege immer als Letzte etwas mit…
    Klingt auf jeden Fall interessant und den Geldvergleich finde ich, wenn auch nicht 1 zu 1 übertragbar auf jede Situation, in der man Geld leiht, gar nicht schlecht. Ich vermeide es, Dinge zu kaufen, für die ich kein Geld habe und versuche keine Schulden zu machen. Seit ich mein Bafög abbezahlt habe, habe ich auch keine mehr und ich denke das bleibt auch weiter so, wenn ich nicht ausgeraubt werde oder ähnliches. Dieser Betrag lag mir auch jahrelang unangenehm im Nacken und ich bin froh, dass ich ihn los bin. Eine wahre Erleichterung, die ca. 5000 Euro los zu sein, so seltsam sich das vielleicht auch anhört. ^^
    Wer würde seine Arbeit machen auch wenn er nicht bezahlt würde? Ich. Haha, als Mutter kann man das leicht sagen, aber in gewisser Weise sehe ich das tatsächlich so. Ich könnte mich auch entscheiden, wieder zu arbeiten und meinen Fratz einer Tagesmutter zu überlassen. Käme definitiv mehr Geld bei raus. Aber ich finde das so unwichtig und würde die Zeit mit meiner Tochter auch nicht gegen 20.000 monatlich eintauschen. An dieser Stelle muss ich echt nochmal sagen, wie toll ich es finde, dass du den Weg als Texterin gehst. Was bringt es einem viel Geld zu machen, wenn kein Leben übrig bleibt? Es freut mich einfach, dass du diese Entscheidung getroffen hast und es dir damit so viel besser geht!
    Tatsächlich gehöre ich zu den „ich streiche alle Optionen durch“ Wählern, denn nicht zu wählen kommt für mich nicht infrage. Aber es gibt bei uns auch keine Partei, der ich mit meiner Stimme sagen möchte „ich stehe hinter euch“. ich frage mich oft, ob das der richtige Weg ist, kann aber bis jetzt keine andere Lösung sehen ehrlich gesagt. Die private Antwort würde mich also durchaus interessieren. 😉
    Ganz liebe Grüße 🙂

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    • Ach wie schön zu hören, dass meine Textbeiträge bei dir ankommen! Geht mir aber genau so, denn deinen letzten Text bei „Tierisch“ fand ich auch definitiv echt wertvoll.
      Ich freu mich so für Eure Kleine, dass Du das Muttersein so geniesst, etwas Besseres kann ihr nicht passieren, als erste Schritte und Worte im Beisein von Mama machen zu dürfen. Ich finde auch, unsere Entscheidungen für erfüllte Lebenszeit und gegen den einen oder anderen Euro sind völlig richtig. In unserem Leben hat eben nicht der Kommerz Priorität und das ist gut so 🙂 Alles Liebe derweil

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