Ironie off

Jetzt ist es mir schon wieder passiert. Zum zweiten Mal innerhalb von 2 Monaten muss ich feststellen, dass ich keine Ironie verstehe. Und von Literatur und Kunst noch weniger. Hm. Wie ich zu dem Schluss komme? Naja, geht doch gar nicht anders – ich habe die FPÖ gewählt. Nein, so einfach will ich es nicht machen, und dies als Pauschalerklärung anbieten.

Es war der 25. Februar 2017, als der Standard ein „Reisetagebuch“ aus Marokko von 3 „Autorinnen“ veröffentlichte: Jetzt haben wir ein Pferd und Haschisch. Kalkuliert provokant und mit feinen Seitenhieben auf Debatten sollte das gespickt sein, was Maria Hofer, Lydia Haider und Stefanie Sargnagel zu Papier -oder wohin auch immer  – rotzten. Ich darf ein paar Originalzitate herausheben:

„Lydia ist die einzige Vegetarierin der Gruppe, aber im Unterschied zu den anderen VegetarierInnen, die ich kenne, ist sie es nicht, weil sie Tiere liebt, sondern weil sie Tiere zutiefst hasst. Heute hat sie eine Babykatze zur Seite getreten mit der Behauptung, sie habe Tollwut, danach biss sie selbstzufrieden in eine vegetarische Crêpe.

Wie provokant und ironisch lesen sich diese Zeilen. Man erkennt auf den allerersten Blick, das es nicht ernst gemeint sein soll. Es gibt ja schließlich in unserer Gesellschaft auch keine Menschen, die ihren Frust an wehrlosen Tieren abbauen. Und weil wir das alle wissen, ist das Geschriebene ja eigentlich auch total lustig. Nicht? Gut, dann weiter:

„Lydia schreibt sehr fleißig an ihrem Buch, dabei kippt sie locker 3-4 Flaschen Wein weg. Maria stolziert ohne Busenhalter vor den frommen Muslimen. Heute haben wir es endlich geschafft, etwas zu kiffen zu besorgen. Es war nicht sehr einfach. In der ganzen Aktion spielte ein Pferd namens Mafoud eine zentrale Rolle.“

O-kay, wir kennen schließlich auch alle die Trinkgewohnheiten der Frau Haider, weshalb wir das Geschriebene natürlich ebenfalls prompt als Ironie entlarven. Meine Wenigkeit kennt sie nicht, deshalb erlaubte ich mir, mich zu wundern. Wundern, wie man so etwas veröffentlichen mag. Wundern, wer so was lesen mag und sich dabei unterhalten fühlt. Dann kommt die Krönung:

„Dieser Urlaub ist toll. Als Frauen in den besten Jahren sind wir aber etwas enttäuscht über den Umgang mit uns. Minirock, Rausgehen ohne BH, roter Lippenstift ringen den Bewohnern Essaouiras nur hin und wieder ein desinteressiertes „Bon jour“ ab, und wenn wir uns spätnachts willig zu ihnen an den Strand setzen, wollen sie eingraucht Uno spielen. Der Kölner Hauptbahnhof hat echt zu viel versprochen.“

Jetzt kommen wir – meiner Meinung nach – zu einem Punkt, der bei aller Nachsicht als weder ironisch noch provokant aufgefasst werden kann. Die schockierenden Übergriffe ausländischer Männer auf Hunderte Frauen in der Silvesternacht in Köln 2015/2016 in einem solchen Zusammenhang zu erwähnen, ist für mich unterstes Niveau, es tut mir leid.

Gut, also ich fand den Text mit Verlaub geschmacklos und doof. Anscheinend jedoch nicht nur ich, denn das Medium der FPÖ-Wähler, die Kronen Zeitung, griff die Literaturreise der drei Autorinnen auf. Richard Schmitt hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, und legte nebenbei offen, dass Lydia Haider und Stefanie Sargnagel mit je 750 Euro Literaturstipendium (!!) gefördert wurden. Tatsache. Nun, plötzlich gab es einen ziemlichen Haufen Menschen (selbstverständlich hauptsächlich männlich, wenig gebildet und FPÖ-wählend), denen es missfiel, was Sargnagel und Co. von sich gaben. Ihr Missfallen drückten sie in mehr oder weniger deutlichen Postings aus, auf Facebook brach ein „Shitstorm“ über Sargnagel herein. Es war die Geburtsstunde des „Babykatzengate“. Natürlich schossen viele Poster über jegliches Ziel hinaus.

Aber taten das nicht auch Sargnagel und Co.? Die Szenen am Kölner Hauptbahnhof waren bittere Realität. Und wäre ich eine der betroffenen Frauen gewessen, der man gewaltsam versucht hat, die Klamotten vom Leib zu reißen, hätte ich Sargnagels Text wohl noch für viel weniger „überzeichnet, und deswegen so ironisch“ gehalten.

Stefanie Sargnagel gibt Statusmeldungen ab à la: „Meine Strumpfhose riecht nach Brie“, und lässt uns an ihrer Monatshygiene teilhaben. Damit füllt sie ein Büchlein. Nennt mich Banause, nennt mich humorbefreit – aber SCHEISSE, ist das Kunst??? Muss ich auf diese Art und Weise Aufmerksamkeit erregen, um ein Literaturstipendium zu bekommen? Die Firma dankt, ich schreibe lieber ein paar bezahlte Texte mehr und verzichte.

Solchermaßen also lernte ich, dass meine altmodische Prüderie mit der jugendhaften Spritzigkeit, Humoristik und Wortgewandtheit einer Stefanie Sargnagel wohl nie mithalten wird können. Ich versank in Depressionen, und versuchte, eine Babykatze zu treten, was mir aber aufgrund der konsumierten 2 bis 3 Flaschen Wein nicht gelang, weil ich die Katze immer doppelt bis dreifach sah. So lustig, nicht? Sorry.

Als ich dachte, dass man im Staate Österreich nun nicht mehr über Ironie lernen könnte, belehrte mich eines Besseren, man möchte es kaum glauben, unser Herr Bundespräsident. Herr Dr. Van der Bellen, immer für einen Schenkelklopfer gut (wussten Sie nicht? Ich auch nicht…) erklärte vorgestern voller IRONIE:

„Und wenn das so weitergeht, bei dieser tatsächlich um sich greifenden Islamophobie, wird noch der Tag kommen, wo wir alle Frauen bitten müssen, ein Kopftuch zu tragen. Alle, als Solidarität gegenüber jenen, die es aus religiösen Gründen tun.“

Halleluja, ich würde mich ja vor Lachen nicht mehr einkriegen – wenn mir einer erklären könnte, wo der Witz steckt. Der Sager des Herrn Van der Bellen wurde am nächsten Tag ebenfalls von Hofburg und diversen Medien als „Ironie“ abgetan. Ich weiß nicht, was mit mir los ist, aber ich  kann diese moderne Form der Ironie, des Witzemachens einfach nicht verstehen, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe!

Bei mir ist das Ganze nämlich so angekommen: Das Kopftuch, ebenfalls wie der Hijab, die Burka, der Tschador oder das Nudelsieb wird mit keiner Silbe an keiner Stelle des Korans erwähnt. Da ich selbigen nicht persönlich gelesen habe, verlasse ich mich hier unter anderem auf die Herren Amer Albayati (Präsident Initiative liberaler Muslime Österreichs) und Efgani Dönmez (Ex-Bundesrat, Mediator), die nicht müde werden, diese Tatsache zu betonen. Vielmehr handelt es sich um Symbole radikaler Islamisten, um die Frauen zu unterdrücken und zu versklaven. Und unser Herr Bundespräsident empfiehlt ironisch, um die Islamophobie zu bekämpfen, sollen österreichische Frauen Symbole der Versklavung und Unterdrückung tragen. In diesem Zusammenhang bitte unbedingt den tollen, offenen Brief von Efgani Dönmez lesen!

Es passiert so viel in unserer Welt, das ich nicht verstehe. Kunst und Humor waren immer meine Ausweichquartiere, ich glaubte zu verstehen, wie es dort läuft. Aktuell werde ich eines Besseren belehrt: Ich kann Kunst nicht von Kacke unterscheiden und verstehe keine Ironie. Ich brauche eine neue Nische… Jemand eine Idee für mich?

Achtung: In manchen Textpassagen können Spuren von Ironie enthalten sein.

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5 Gedanken zu “Ironie off

  1. Mach dir nichts draus, ich denke scheinbar da genauso wie du, denn solche Sätze haben für mich schon nichts mehr mit Ironie zu tun, sondern sind einfach nur total sinnlos. Aber hey, sie haben Aufmerksamkeit – und das ist manchen scheinbar wichtiger als das, was manche hinter den Zeilen verstehen – auch wenn es noch so dämlich ist (sorry….)

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    • Hurra, es gibt sie noch, die Menschen, die nicht angesichts solcher Ergüsse in Verzückung fallen. Ja klar ist Aufmerksamkeit alles, schade, dass diesen Konsorten die Rechnung haarkleinn aufgeht… Ich bin mit meinem nächsten Artikel eh schon wieder „unbequem“ geworden… Glg

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  2. Pingback: Wenn Kunst an ihre Grenzen stösst | heavythrillingpolish

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