Wenn Kunst an ihre Grenzen stösst

Die Abstände werden kürzer, in denen mich diverse Umstände dazu bringen, abseits von neuen Nagellack-Limited editions in die Tasten zu hauen. Was jetzt schon wieder los ist?

„Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer“ sang Xavier Naidoo bereits 2005. Nein, ich war nie ein Fan seines Musikstils, und ich besitze bis heute keine Platte von ihm. Ich fand Otto Waalke’s Version „Dieser Keks wird kein weicher sein“ zudem viel lustiger. Aber was soll’s – Leben und leben lassen.

xavier-naidoo-mit-muetze-und-sonnenbrille

Xavier Naidoo © Promiflash

Dass der Sänger mit den südafrikanisch-indisch-irisch-deutschen Wurzeln alles eher als ein Retortenprodukt ist, dem ein Dieter Bohlen einen Hit auf den Leib zimmert, macht ihn allerdings sehr sympathisch. Dass er nicht alles runterschluckt, was uns in den Medien vorgesetzt wird, noch mehr: Beispielsweise äußerte er Kritik an der Darstellung der Anschläge des 11. September 2001 in den USA.

Außerdem erwähnte er mehrfach, dass Deutschland kein freies Land sei, sondern immer noch besetzt durch die USA, und es gäbe keinen gültigen Staatsvertrag (Nur mal am Rande: Warum fällt das unter Verschwörungstheorie? Was MACHEN diese rund 50.000 US-Soldaten in über 250 Stützpunkten in Deutschland? Habt ihr die hierher gebeten? Ist es antiamerikanisch und staatsverweigernd, wenn man laut überlegt, ob man in seinem Land US-Atomwaffendepots haben möchte?)

Alles kann besser werden, holen wir uns den Himmel auf Erden, sang er 2009. Nun, die Mission ist wohl gescheitert. Der neue Song, veröffentlicht im April 2017 mit den Söhnen Mannheims, heisst „Marionetten“. So, und jetzt heisst es warm anziehen für Xavier. Den Multikulti-Bonus hat er schon früher verspielt, jetzt wird er gnadenlos abgewatscht. Einbestellt zum Rapport beim Oberbürgermeister! Höflichste Reaktion: Naidoo sei verwirrt, ihm sei ein „poetischer Ausrutscher“ unterlaufen. Steigerung: Naidoo vertrete radikal libertäre, antistaatliche Positionen, er wäre die Einstiegsdroge in ein Geflecht abstruster Verschwörungstheorien.

Warum die Aufregung? Ich habe vor kurzem einen Post mit dem Titel „Ironie off“ veröffentlicht. Darin geht es u.a. um eine Autorin, die aus Scheisse Geld macht. *sorrynotsorry* Als man(n) es wagte, sie zu kritisieren, ging ein Aufschrei durchs Land: Lasst ihr die künstlerische Freiheit! Wunderbar ironisch, überzeichnet und megatoll! Je suis Sargnagel! Sie wird ja nur kritisiert, weil sie eine Frau ist! Wo kommen wir denn hin, wenn Kunst nicht mehr alles darf… Ja, wohin? Wenn es eine künstlerische Freiheit gibt, warum darf ein Xavier Naidoo nicht frei seine Meinung äußern?

Er nennt Volksvertreter „Volks-in-die-Fresse-Treter“. Klingt hart im ersten Moment, nicht wahr? Und wieder meine Frage am Rande: Fühlt ihr, das Volk, euch gut vertreten von euren Volksvertretern? Oder habt ihr auch schon mal erlebt, was vor den Wahlen alles möglich ist, wovon nachher keiner mehr was weiß? Seid ihr einverstanden mit allen Entscheidungen, die eure Vertreter über euren Kopf hinweg fällen? Ich spreche jetzt für mich und sage: Nein, ich fühle mich von der österreichischen Regierung verarscht. Ja, das mit dem in-die-Fresse-treten kommt ganz gut hin.

Naidoo singt in „Marionetten“, man möge die Mistgabel erheben gegen angeblich chargenhafte Politiker. Sargnagel schreibt, sie gehe ohne BH und im Minirock zu Marokkos jungen Männern, aber nichts passiere, also habe der Kölner Hauptbahnhof wohl zu viel versprochen.

Bitte um Aufklärung: Warum schürt ersteres Gewaltfantasien, und wird als regressiv, antidemokratisch und rechtspopulistisch eingestuft, und zweiteres ist Ironie, die man auf den ersten Blick zu erkennen hat? Sehen es die Opfer der Sexangriffe von Sylvester 2015/2016 ähnlich ironisch, oder fühlen sie sich eher verstanden durch die Zeilen Naidoos?

Ja, man mag mir plumpes Vergleichen von Äpfeln (Naidoos) mit Birnen (Sargnägeln) vorwerfen. Aber ich hätte so gerne eine Antwort auf die Frage: Darf Kunst nur dann alles, wenn sie von einer bestimmten politischen Bewegung kommt, keine unbequemen Fragen aufwirft und niemanden zum Nachdenken bewegt? Was macht man, wenn man Kritk am bestehenden System äußern will? Noch während man dafür Luft holt, ist man ein Bauchredner der Rechtspopulisten.

Übrigens: Auch wir in Österreich haben so einen Xavier Naidoo. Er heißt Andreas Gabalier, kommt aus der Steiermark und ist Volks-Rock’n’Roller. (Ob man die Bezeichnung „Volksmusik“ auch bald abschaffen wird? Ihr wisst schon, „Volk“ und so..)

KONZERT "ANDREAS GABALIER"

Andreas Gabalier © krone.at

Auch nicht meine Musikrichtung. Er bringt Abertausende Frauenherzen in Wallung, wenn er mit gegelter Elvis-Tolle „I sing a Liad für di“ im ausverkauften Münchner Olympiastadion performt. Aber er wurde schon mehrmals auffällig: 2014 sang er zur Eröffnung des Formel 1-Rennens in Spielberg die österreichische Bundeshymne – in alter Version („Heimat bist du größer Söhne“). Um Frauen sichtbarer zu machen, wurde ja die österreichische Bundeshymne geändert (siehe dazu mein Blogartikel „Gendergaga“). Und nachdem unser Bundespräsident kürzlich *selbstverständlich ironisch* meinte, es würde der Tag kommen, an dem wir alle Frauen bitten müssen, aus Solidarität ein Kopftuch zu tragen, setzte Gabalier sich eines auf. Rotweißrot kariert, solidarisch. War auch wieder falsch. Wie war das? Künstlerische Freiheit… Aber bitte immer schön politisch korrekt bleiben! Nichts kritisieren, nichts hinterfragen. Klingt ja fast, als wären wir MARIONETTEN!? (Ähnlichkeit mit einem aktuellen Song der Söhne Mannheims natürlich rein zufällig und nicht beabsichtigt).

Edit: Als ich den Link für den Song setzen wollte, bemerkte ich, dass der Song auf Youtube bereits weltweit gesperrt ist. Habe für euch dennoch eine Quelle aufgetan, wo man sich das Video ansehen kann 🙂 Und noch was: Man beachte die Rezensionen derer, die das Album z.B. auf Amazon gekauft haben… Ablehnung klingt anders!!)

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